Konzert
Nachbericht: 1Live Radiokonzert mit Casper im Stereo Bielefeld
Ostwestfalen. Am 11. Juli hat der Hypetrain am Bielefelder Hauptbahnhof Halt gemacht – schließlich sind es von dort aus nur noch zwei Steinwürfe bis zum Stereo, wo kein Geringerer als Casper am Abend sein exklusives 1Live-Radiokonzert gegeben hat. Ihr wisst schon, „Karten gibt es wie immer nicht zu kaufen, sondern nur hier zu gewinnen“. Der derzeit überaus medienpräsente Musiker, der Bielefeld als „Herzheimat“ angibt und bis letztes Jahr Einwohner unserer ostwestfälischen Perle war, hat rund anderthalb Stunden vor begeistertem Publikum gespielt.
Für mich persönlich ist es das fünfte oder sechste Casper-Konzert. Da ich das Schaffen des talentierten Mr. Griffey hauptsächlich zwischen dem „Die Welt hört mich“-Mixtape und dem Debüt „Hin zur Sonne“ verfolgt habe, ist schnell zu erkennen, dass sich in der Zwischenzeit eine Menge getan hat.
Während Casper früher von Männern in viel zu großen Klamotten auf der Bühne unterstützt worden ist, wird er nun von Männern in ziemlich engen Klamotten auf der Bühne unterstützt. Der vermutlich wichtigere Unterschied besteht allerdings darin, dass diese Männer nicht etwa Backups liefern und zwischendurch „Macht mal Lärm, [Stadtname einsetzen]“ brüllen, sondern echte Instrumente – Schlagzeug, Bass, Keyboard, zwei Gitarren - spielen.
Anders als beispielsweise Bushido, der weitgehend typische Rap-Beats von einer Live-Band spielen lässt, ist das Soundgerüst von Casper auf tatsächliche Musikalität ausgelegt. Das ist auch auf seinem drei Tage vorher erschienenen Album „xoxo“ mehr als deutlich zu hören, das sich fleißig an Pop und Rock mit starkem Indie-Einschlag bedient und in vielen Ecken der HipHop-Landschaft deshalb als etwas Frisches, Neues wahrgenommen wird.
Statt Synthesizer-Melodien bekommt man bei Casper anno 2011 Gitarrenleads zu hören. Da ist es nur sinnvoll und zu begrüßen, dass das auch live angemessen umgesetzt wird!
Drei, zwei, eins...
Casper betritt um kurz nach 21 Uhr die Bühne, zunehmend zutätowiert und hochgradig geschmackssicher in ein Kvelertak-Shirt gehüllt. Genau wie „xoxo“ beginnt auch das Konzert mit „Der Druck steigt“.
Wie üblich lässt sich das Publikum von der ersten Sekunde an vom sehr energischen Auftritt des 28-jährigen mitreißen: Wenn er nicht gerade posierend seine Zeilen zum Besten gibt, springt er von einer Bühnenseite zur nächsten und wieder zurück.
Manchmal möchte man sich Sorgen machen, dass er sich dabei gerade im Hinblick auf das Mikrofonkabel auf den Bart legen könnte – ganz getreu seines Songs „Elefant“ bleibt er allerdings den ganzen Abend über stehen.
Neben dem Opener werden vom aktuellen Album auch die dezent kitschige Single „So perfekt“, das toll aus dem Leben gegriffene „Auf und davon“, „Alaska“, das gleichermaßen empfehlenswerte wie semi-biographische „Grizzly Lied“ und „Michael X“ gespielt. Auf entsprechenden Künstlerwunsch verzichtet das Publikum hierbei auf das sonst obligatorische Mitklatschen und gewährleistet so, dass die starke Wirkung des Songs auch auf der Bühne absolut rüberkommt.
„Die Welt steht still“, „Casper Bumaye“, „Unzerbrechlich“, das abschließende „Kein Held“ oder der Titeltrack decken die „Hin zur Sonne“-Phase ab. Letzteren gibt es gleich anderthalb Mal zu hören, da sich beim ersten Versuch die Snare Drum verabschiedet und dadurch für eine Zwangspause sorgt. Casper überbrückt diese zunächst mit ein paar Old School-Parts auf Instrumentals, etwa „Propeller“ auf Wiz Khalifa oder dem „Straße“-16er auf Nirvana, ehe er sein Publikum mit weitgehend albernem, aber charmantem Geschwafel bei Laune hält.
Komm mal ran? Ne, heute nicht...
Casper macht sich seine Begleitband wirklich gut zu Nutzen. Das merkt man bei zwei Songs ganz besonders: Sein Samplerbeitrag „Mittelfinger hoch“ wird in einer rockigen, fast punklastigen Version präsentiert und sorgt für unkontrolliert auf und ab hüpfende Konzertbesucher. Gesteigert wird das nur noch durch die Marteria-Kollabo „Rock’n’Roll“, zu deren visueller Untermalung Casper tatsächlich die berühmt-berüchtigte Wall of Death fordert und natürlich ohne Widerworte bekommt.
Ausgesprochen beachtlich für eine Veranstaltung, die schon noch weitgehend unter dem HipHop-Banner stattfindet – auch wenn es auf die Frage, wer denn wegen eben jenem HipHop hier sei, eine ziemlich maue Reaktion gibt. Etwas mau dürften einige Fans der ersten Stunde auch finden, dass Casper älteres Material relativ stiefmütterlich behandelt. Oder kurz gesagt...einfach nicht spielt.
Ich persönlich kann mir die dazugehörige Zwickmühle gut ausmalen: Viele Songs von „Die Welt hört mich“ passen nur noch sehr bedingt zum heutigen Repertoire und basieren zudem auf fremden Beats oder Samples. Das lässt sich mit Liveband vermutlich nur mäßig befriedigend umsetzen, weshalb selbst konzeptuell stimmige Songs wie „Lippenlesen“ oder „Kippenpause“ genau so außen vorbleiben wie das vielfach vom Publikum geforderte „Komm mal ran“.
Es wäre aber durchaus wünschenswert, wenn die Jungs sich mal an eine Umsetzung ein paar betagterer Stücke wagen würden. Immerhin hat Casper damit den Grundstein zu seinem heutigen Erfolg gelegt.
"Kostenlos, aber nicht umsonst!"
Nach einer etwas abrupten Verabschiedung ist der Gig gegen 22:45 Uhr gelaufen und lässt definitiv ein positives Fazit zu. An der Snare-Panne hat letztendlich keiner wirklich schuld und der Verzicht auf viele einst nicht wegzudenkende Klassiker ist zu gleichen Teilen schade wie verständlich. Nun darf man gespannt sein, wie „xoxo“ von der breiten Masse aufgenommen wird – vorstellbar ist auf jeden Fall, dass man Casper nicht mehr allzu häufig in einem eher intimen Rahmen sehen wird. Potential für größere Aufgaben ist nämlich vorhanden!
Weiterführende Links:
www.1live.de
www.stereo-bielefeld.de
www.casperxo.com
(MG)
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