Drucken Versenden Kommentare   Teilen
 01.07.2011  15:22 Uhr

Interview
Christine Neder: Geschichten aus 90 Nächten und Betten im Stereo

Ostwestfalen. Couchsurferin und Ex-Bielefelderin Christine Neder hat 90 Nächte in 90 verschiedenen Betten verbracht und dabei so viele Menschen und Orte in Berlin kennen gelernt, dass sich damit ein ganzes Buch füllen ließ. Aus diesem liest sie am Fr., 22.07., im Stereo vor! Zur Einstimmung darauf ist sowohl ihr Blog (http://lilies-diary.blogspot.com) als auch dieses Interview bestens geeignet.

Couchsurfer ungleich Couchpotatoe - sagt der Name ja schon., Copyright:
Couchsurfer ungleich Couchpo­tatoe - sagt der Name ja schon.

Wie geht es dir und wo schläfst du derzeit hauptsächlich?
Kaum zu glauben aber wahr, ich habe nun einen festen Wohnsitz mit eigener Wohnung in der ich ganz alleine bin. Das ist nach den 90 Nächten, 90 Betten ja schon fast wieder ein neues Projekt – „wie wird man sesshaft?“. Ich schlafe also hauptsächlich in Berlin Friedrichshain, genieße die Stadt und es geht mir saugut.

Erzähl uns doch ein bisschen zu deinem bisherigen Werdegang und besonders deinem Aufenthalt bei uns in Bielefeld!

Es war einmal vor fast 26 Jahren, als ich im schönen Schweinfurt geboren wurde. Dort verbrachte ich eine behütete Kindheit, bis ich irgendwann auf die Idee kam, Modedesign zu studieren. So hat es mich auch nach Bielefeld an die FH verschlagen. In Bielefeld hatte ich schreckliche wie auch wunderschöne Zeiten, die ich auch teilweise im Buch noch einmal verarbeite.

Irgendwann wollte ich aber raus in die Welt und nach einem kleinen Stop in München hat es mich für ein Praktikum bei der Sleek und dem ZEITmagazin nach Berlin verschlagen. Schon während des Studiums wurde mir ziemlich schnell klar, dass meine eigentliche Leidenschaft nicht dem Stoff, sondern den Wörtern gilt und so versuche ich bis heute, im Journalismus Fuß zu fassen. Mein Buch „90 Nächte, 90 Betten“ über mein kleines Experiment ist mir dabei natürlich eine große Hilfe.

Es sind eben doch manchmal die kleinen Dinge, Copyright:
Es sind eben doch manchmal die kleinen Dinge

Bei dem Buch stellt sich vorweg natürlich die Frage: Wie bist du auf die Idee gekommen, 90 Nächte Couchsurfing zu betreiben? Gab es da einen konkreten Anstoß oder kam das „einfach so“?
Es war ein bisschen aus der Not heraus. Ich war damals in München und wollte eigentlich gar nicht nach Berlin. Ich wollte mir eine Wohnung suchen, ich wollte in keine WG, ich wollte nicht in eine Stadt, in der ich wieder niemanden kenne und die so groß ist, dass ich gar nicht weiß wo ich hinziehen soll. Also bin ich erstmal in den Urlaub nach Rumänien gefahren. Dort habe ich Couchsurfer in unserem Hostel kennen gelernt und dann kam auch die Idee, das 90 Nächte auszuprobieren. Ich habe keine Wohnung gebraucht, habe Leute und Berlin kennen gelernt wie kein anderer. Was will man mehr? Mein Plan ging auf.

Wann ist dann der Entschluss gereift, ein Buch über deine Erlebnisse zu schreiben und wie schafft man es als Nobody direkt zu einem recht namhaften Verlag wie Schwarzkopf & Schwarzkopf?
Eigentlich wollte ich erst nur auf meinem Blog lilies-diary.blogspot.com von meinem Projekt berichten. Dann hatte sich aber auch Spiegel Online für eine wöchentliche Berichterstattung interessiert und so hatte ich plötzlich unglaublich viel Feedback. So kam auch der Verlag auf mich zu. Natürlich hatte ich mir immer gewünscht, das Ganze irgendwann als Buch zu verarbeiten - aber dass es so schnell und einfach ging, habe ich mir nicht träumen lassen.

Welche Begegnungen im Rahmen deines Selbstversuches werden dir besonders positiv in Erinnerung bleiben?
Ich liebe es mich jetzt mit vielen Gastgebern wieder zu treffen, von denen einige sehr, sehr gute Freunde geworden sind. Außerdem kann ich in fast jeder Ecke eine kleine Anekdote zu meinem Experiment erzählen. „Schau mal, das war ich mit XY Frühstücken und da habe ich im 4. Stock bei XY in einem Luxusapartment gewohnt.“ Ich denke aber ein Ort, an den ich sonst niemals gekommen wäre, war der hinduistische Tempel in Berlin Mitte. Hier habe ich das Sonntagsfest mitgefeiert, bin um 4 Uhr morgens aufgestanden und habe gesungen, getanzt und meditiert.

90 Nächte, 90 Betten...aber nicht unbedingt 90 Klingeln, Copyright:
90 Nächte, 90 Betten...aber nicht unbedingt 90 Klingeln

Sicherlich gab es auf der anderen Seite auch die ein oder andere Nacht, in der der Wohlfühlfaktor aus irgendeinem Grund zu kurz kam, oder?
Ja, die Nacht im Van, ohne fließendes Wasser auf 1,20 Meter mit einem fremden Mann neben mir war schon gewöhnungsbedürftig und absolut nicht meine Welt. Ich war kurz davor zu gehen, aber mein Gastgeber war so entzückend nett, dass ich nicht konnte. Mehr dazu lese ich auf jeden Fall im Stereo vor.

Würdest du zusammenfassend sagen, dass dich deine Aktion auf eine bestimmte Art und Weise für dein weiteres Leben geprägt oder beeinflusst hat?
Klar! Also wenn man mich schocken will, dann muss man sich schon wirklich was Besonderes einfallen lassen. Ich habe 90 verschiedene Menschen kennen gelernt, aber am besten mich selber. Wo meine Grenzen sind, was ich wirklich schätze im Leben...und das sind meist die einfachsten Dinge, die man in seinem täglichen Trott völlig vergisst. Und ich habe ein Stück gelernt, das Leben zu leben, Sachen machen die man tun möchte zu tun, egal was andere sagen, egal ob es vernünftig ist oder nicht. Und ich habe meinen jetzigen Job dank meines Projekts gefunden.

Im SJuli erzählst du den Gästen des Stereo aus erster Hand von deinen Erlebnissen. Ich darf davon ausgehen, dass du hier auch schon das ein oder andere Mal feiern warst? Wie fühlt es sich an, plötzlich als vermeintlicher „Star“ des Abends zurück zu kommen?
Ein Star ist was anderes. Ich bin nur so eine Irre, die ab und zu mal ein paar gute Ideen hat.

Darf man fragen, was du für die Zukunft so geplant hast? Wird man sich auf weitere außergewöhnliche Aktionen und Bücher dazu einstellen können oder hast du etwas ganz anderes auf dem Schirm?
Ich werde wieder viel, viel reisen und darüber berichten. Außerdem bin ich gerade dabei, ein neues Buch zu schreiben. Ich liebe ja Herausforderungen, deswegen wird es diesmal ein Roman. Aber einen weiteren Erfahrungsbericht könnte ich mir auch vorstellen. Ihr seht, wie immer ist alles offen. Wenn man wissen will was ich wirklich gerade mache, lilies-diary.blogspot.com verrät es euch ;-)

Welche Seiten, Portale und so weiter kannst du unseren Lesern besonders ans Herz legen, wenn sie sich auch mal in der hohen Kunst des Couchsurfens versuchen möchten?
Ich war die ersten Tage meines Experiments immer auf www.couchsurfing.org unterwegs. Nach der Spiegel Online-Kolumne hatte ich dann so viele Einladungen bekommen, dass alles ein Selbstläufer wurde.
Was ich zu Couchsurfing sagen kann: Es ist eine coole Sache um eine Stadt aus einer ganz anderen Perspektive kennen zu lernen. Dabei sollte man beachten: Couchsurfing ist kein All Inclusive-Hotel, keine Dating-Plattform und jeder Gastgeber freut sich über ein kleines Mitbringsel. Ansonsten: Viel Spass!


 

(MG)

  • Tags:
  • Interview
  • Christine Neder
  • Stereo
  • Buch
  • Couchsurfing
  • Helden der Heimat

 

 

Ihr Kommentar »


Ihr Kommentar:
Bei einer Antwort möchte ich per Email benachrichtigt werden an
      meine Emailadresse: (wird nicht veröffentlicht)
 
 
Update-City - Every moment, every time
© 2013 UPDATE Magazin & Verlag, Voss und Zimmer GBR.  Alle Rechte vorbehalten.