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 30.12.2011  12:51 Uhr

Helden der Heimat
Blue Harvest: Lebensbejahende Momentaufnahmen

Ostwestfalen. Ein Einblick in die Welt der Tätowierungen, der vollständig ohne unsagbar abgegriffene "Das geht unter die Haut"-Wortspiele auskommt? Mit dem Update seid ihr diesbezüglich versorgt. Jens Gössling hat uns Eintritt in sein Blue Harvest-Studio gewährt und erläutert, warum Tattoos nicht zwingend eine Geschichte haben müssen und "lebensbejahende Momentaufnahmen" darstellen.

Work in Progress, Copyright:
Work in Progress

„Ich selbst war mit 19 oder 20 ein ziemlicher Spätzünder“, erzählt Jens Gössling, als ich ihn nach seiner ersten Tätowierung frage. Der heute 38-jährige hat sich damals dank wiedergefundenem Hang zur Religiosität ein Herz Jesu auf die Brust stechen lassen. „Ansonsten ist da keine große Geschichte hinter – keiner ist gestorben und ich war auch nicht schon zweimal klinisch tot“. Selbst wenn es durchaus eine schöne Entwicklung sei, dass sich Menschen viel mit der Thematik ihrer Körperkunst auseinandersetzen, ist ein „einfach cooles Motiv“ für den Inhaber von Blue Harvest in der Bielefelder Friedrichstraße schon ein völlig legitimer Grund für ein Tattoo.

Eröffnet im Jahre 1998 hat der Shop seitdem unter mehreren Namen firmiert, etwa Tätowiersucht oder Tätowierstudio. Gerade letzter war natürlich nicht wirklich gut zur Abgrenzung von Kollegen geeignet. Zum zehnjährigen Jubiläum folgte also die Umbenennung in Blue Harvest, die ein Tribut an die von Jens vergötterte „Star Wars“-Saga darstellt. Deren dritter Teil, „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“, hat Anfang der Achtziger diesen völlig zusammenhangslosen Arbeitstitel verpasst bekommen – für Jens auch ein kleiner Seitenhieb auf Studios mit abgegriffenen, deutschen Wortspielen, die in seinen Ohren ein klarer Fall für die Geschmackspolizei sind.

Jesus wirft ein Auge auf die Arbeiten, Copyright:
Jesus wirft ein Auge auf die Arbeiten

Seine eigenen, geschmacklichen Vorlieben lässt der standesgemäß selbst umfangreich verzierte Ex-DJ der Crossover-Band Thumb jedoch in den Hintergrund rücken, wenn sich Kunden in seinem Tätowierraum einfinden. Dieser ist ausgiebig mit eigenen Bildern, Skizzen, Jesus-Büsten, Lichtschwertern oder Actionfiguren von Batman, Obi Wan Kenobi sowie dem in Carbonit eingefrorenen Han Solo ausgeschmückt und strotzt nur so vor Persönlichkeit.
„Tätowierer halten sich gern mal für Künstler, die sich selbst verwirklichen müssen und es den Kunden spüren lassen“, erklärt Jens. „Ich sehe Tätowieren allerdings als Dienstleistung, bei der der jeweilige Geschmack des Kunden entscheidend ist. Wenn man sich eine gewisse Vertrauensbasis erarbeitet, bekommt der Tätowierer meist auch mehr Freiraum. Wie profan es unterm Strich auch klingen mag: Wichtig ist, dass die Leute zufrieden nach hause gehen!“

Gleichzeitig bedeutet diese Ansicht keinesfalls, dass Jens gleichgültig alles nach Wunsch unter die Haut jagt. „Einige kommen rein und wollen nicht primär tätowiert, sondern hart, sexy, cool oder sonstwas gemacht werden“, führt er aus. So kommt es für ihn in der Regel nicht in Frage, Erstlinge direkt an Hals oder Händen zu tätowieren, „nur damit sie im Winter auch mit Jacke cool aussehen“.

Wände voller Körperkunst, Copyright:
Wände voller Körperkunst

Eine persönliche Bewertung von Motiven hat sich Jens hingegen längst abgewöhnt und verweist auf die bunte wie polarisierende Mischung aus Tigern oder Pin Up-Girls auf seinem Körper. Trotzdem rät er von Motiven ab oder weist zumindest auf ihre Risiken hin, wenn es einen fachlichen Grund dazu gibt – etwa der Umstand, dass farbrealistische Portraits einfach ziemlich unvorteilhaft altern.

„Tätowierungen sind eine der ältesten Ausdrucksformen der Menschheit und trotzdem immer modern“, wie Jens mit spürbarer Begeisterung zu Protokoll gibt. Er bezeichnet Tattoos als „lebensbejahende Momentaufnahmen“ und hat dementsprechend wenig für die oftmals bemühten „Ob dir das in fünf Jahren wohl auch noch gefällt“-Sprüche übrig: „Da kann man die Leute genau so gut fragen, warum sie heiraten – darauf gibt dir schließlich auch niemand eine Garantie!“

Garantiert ist lediglich, dass ihr bei Blue Harvest keine Termine per Telefon, Mail oder Facebook bekommen werdet. Jens bekräftigt: „Wer es mit seiner Tätowierung ernst meint, nimmt den Weg in den Shop dafür auf sich“. Darüber hinaus gibt es aber auch ganz praktische Gründe für diese Vorgehensweise: Wenn beispielsweise am Telefon ein „großes Tattoo mit Totenkopf und Rose“ angefragt wird, kann das zunächst so ziemlich alles bedeuten. Wie genau darf man „groß“ verstehen? In welcher Proportion, Position und so weiter sollen die beiden Komponenten zueinander stehen? Wer sich mit einer möglichst genauen Vorstellung, einem Ausdruck oder einer Skizze auf den Weg in die Friedrichstraße macht, kann all diese Punkte gern mit Jens und seinem Team (bestehend aus Shopmanager Sascha, Azubine Sarah und den Tätowierern Olli, Andreas, Kevin und Flo) durchgehen.

Zum Abschluss kann sich Jens nur mit Mühe ein Augenrollen verkneifen, als er sich der Standardfrage schlechthin stellen muss: Tut’s denn sehr weh? „Da kannst du zehn Leute an der gleichen Stelle tätowieren und bekommst acht bis zehn verschiedene Antworten. Das variiert sehr stark von Person zu Person. Auf dem Brustkorb und den Rippen sind sich die meisten aber einig, dass es schon nicht ohne ist!“ Versuch macht klug, oder?

Blue Harvest Tattoo
Friedrichstraße 49
33615 Bielefeld
www.blue-harvest-tattoo.de


 

(MG)

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  • Tätowierung
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