Konzert
Nachbericht: Die Scorpions verabschieden sich von Bielefeld
Ostwestfalen. Mit meinen 24 Jahren wurde ich hier und da entweder fragend oder amüsiert angeschaut, wenn ich meine Vorfreude auf das Konzert der Scorpions in Bielefeld zum Ausdruck gebracht habe. Den meisten Leuten ist die Rock-Legende aus Hannover tatsächlich nur durch „Wind of Change“ bekannt – dass sie darüber hinaus noch eine ganze Menge mehr zu bieten hat, wurde am 17.07. eindrucksvoll zum Abschluss des Ravensberger Park-Open Airs unter Beweis gestellt!
Das Konzertgelände direkt vor Hechelei und Lichtwerk macht schon was her an diesem Sonntagabend: Eine Bühne, die ich mir im Vorfeld kleiner vorgestellt hatte, und diverse Getränke- und Imbissstände gewährleisten das typische Freiluftkonzert-Feeling bei angenehmem, trockenem Wetter – keine Selbstverständlichkeit, nachdem eines der beiden Unheilig-Gastspiele wenige Tage vorher sturmbedingt abgesagt werden musste.
Eine würdige Kulisse also für das allerletzte Konzert der Scorpions in Bielefeld. Nach über 40-jähriger Karriere befinden sich die fünf altgedienten Rocker derzeit auf Abschiedstournee. Kurz nach 20 Uhr betreten sie die Bretter der Bühne und starten ihre Show mit dem Titelsong ihres aktuellen Albums „Sting in the Tail“. Der schmissige Song wird angemessen energisch wiedergegeben und durch Feuersäulen und andere Pyroeffekte auch visuell sehr schön in Szene gesetzt. Pluspunkte gibt es zudem für die riesige Leinwand, auf der Musiker und Publikum, teils mit ein paar netten Effekten versehen, zu beobachten sind.
Ebenso auffällig ist der Arbeitsplatz von Schlagzeuger James Kottak, da der Blondschopf auf einem auf- und abfahrenden Podest seine Felle verdrischt. Hier wird schnell klar, dass die alten Herren nicht sang- und klanglos abtreten möchten!
The Best is yet to come
In den folgenden zwei Stunden arbeiten sich Klaus Meine, Rudolf Schenker, Matthias Jabs, Paweł Mąciwoda und erwähnter Kottak durch ein Programm, das keine lebensnotwendigen Wünsche der Fans unerfüllt lassen sollte: Im Hauptset befinden sich neben unverzichtbaren Markenzeichen wie „Bad Boys Running Wild“, „Send me an Angel“ und „Blackout“ auch „Raised on Rock“ oder „The Best is yet to come“ von der letzten Platte. Gerade die Halbballade wird nach etwas entsprechender Animation von Klaus Meine beeindruckend laut vom Publikum mitgesungen, das zu diesem Zeitpunkt endlich auftaut.
Nachdem eine Jabs-Soloeinlage direkt in das fantastische „Big City Nights“ übergeht und der Hit ordentlich abgefeiert wird, verabschieden sich die Scorpions hinter die Bühne. Selbstverständlich ist jeder anwesenden Person allerdings klar, dass es damit noch nicht vorbei ist! Nach kurzer Verschnaufpause geht es mit einem gleichermaßen ruhigen wie populären Doppelschlag weiter: „Still loving you“ wird fast genauso begeistert aufgenommen wie „Wind of Change“, das Klaus Meine mit einer kurzen Anekdote zur historischen Bedeutung des Songs einleitet.
Als schwer rockenden Höhepunkt haben die Scorpions „Rock you like a Hurricane“ fast bis zum Ende aufbewahrt, um es abschließend durch die Bielefelder Dämmerung schallen zu lassen.
Selbst viele der Zuschauer, die bis dahin eher mit verschränkten Armen höflich mitgenickt und ab und zu geklatscht haben, singen nun fröhlich mit und erfreuen sich an dem abermals beeindruckenden Pyro-Inferno, das vor ihren Augen stattfindet. Alle paar Sekunden sorgen Feuer- oder Funkensäulen für ein im wahrsten Sinne des Wortes heißes Finale. „Für den Nachhauseweg“ (Meine) setzt es danach noch das vom Titel bestens passende „When the Smoke is going down“ und „Always somewhere“, ehe die Jünger der Scorpions zufrieden in die Nacht entlassen werden.
Bielefeld City Nights
Im Vorfeld ihrer Tournee haben die Scorpions ihren Abschied aus dem Geschäft damit begründet, dass sie „on top of their game“ in Erinnerung behalten werden möchten, wie der Engländer sagen würde. Man darf festhalten, dass sie das in ihrer momentanen Form definitiv tun!
Es ist absolut beeindruckend und inspirierend, wie fit, vital und spielfreudig sich alle Bandmitglieder präsentieren. Klaus Meine ist auch im Alter von 62 noch bemerkenswert gut bei Stimme, während der auch nur ein Jahr jüngere Rudolf Schenker durchtrainierter und lebhafter wirkt als viele Kerle, die seine Enkelkinder sein könnten. Großes Gepose (inklusive der Pyramide, bei der Meine auf den Oberschenkeln von Schenker und Jabs steht), Luftsprünge und Sprints von einer Bühnenseite zur anderen sind eine Selbstverständlichkeit und lassen oftmals vergessen, dass man es hier mit durchaus betagten Männern zu tun hat.
Keine Frage, die Herren hätten sicherlich noch genug Benzin für drei, vier weitere Jahre im Tank. Dass sie diesen Tank allerdings nicht bis zum letzten Tropfen leerfahren und ihren treuen Fans, die teils aus ganz Europa nach Bielefeld gereist sind, so bestechend im Gedächtnis bleiben möchten, verdient höchsten Respekt!
(MG)
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